REA: Wenn der KI-Agent jede Software auseinandernimmt. Was dran ist und was das Urheberrecht dazu sagt
Ein Werkzeug namens REA ist innerhalb weniger Tage zum meistbeachteten Projekt auf GitHub geworden. Es verbindet KI-Agenten wie Claude Code und Codex mit Programmen, die fertige Software bis auf den Maschinencode zerlegen. Im Netz heißt es, damit sei „jede Software kopierbar“. Wir haben das Video dazu ausgewertet, die Angaben gegengeprüft und ordnen ein: Was die Kette wirklich leistet, warum die Technik dahinter alt ist und wo das deutsche Urheberrecht die Grenze zieht.
Worum es geht
Auslöser für diesen Beitrag ist ein Video des deutschen YouTube-Kanals „Unfairer Vorteil“ vom 12. Oktober 2026 mit dem Titel „Dieses virale KI-Tool kann JEDE Software kopieren“. Der Autor installiert REA in Claude Code, lässt den Agenten die Vorschau-App von macOS nachbauen und bekommt nach einigen Minuten ein lauffähiges Programm, das Bilder öffnet, zoomt, Bildinformationen anzeigt und Markierungen erlaubt. Danach ordnet er den Hype ein und kommt zu einem Schluss, den wir teilen: Beeindruckend ist die Schnittstelle, nicht die Technik dahinter.
Zitiert werden im Video zwei Reaktionen aus den USA. Der KI-YouTuber Matthew Berman schreibt sinngemäß, Software sei damit erledigt. Der Chef von Replit, einer Plattform zum Bauen von Apps per Texteingabe, meint, so ziemlich jede Software werde damit faktisch quelloffen. Beide Sätze sind griffig. Beide halten einer Prüfung nur zum Teil stand.
Was Reverse Engineering bedeutet
Die deutsche Übersetzung lautet Rückentwickeln. Man nimmt ein fertiges Produkt und untersucht seinen Aufbau so lange, bis der Bauplan auf dem Tisch liegt. Das Bild aus dem Video trifft es: Sie bekommen einen fertigen Kuchen und rechnen daraus das Rezept zurück. In der Software gibt es dafür seit Jahrzehnten eigene Werkzeuge, sogenannte Disassembler und Decompiler. Sie übersetzen den Maschinencode, den ein Prozessor ausführt, zurück in eine Form, die ein Mensch lesen kann.
Das Ergebnis ist nie der originale Quellcode. Kommentare, Variablennamen und die Struktur des Entwicklers sind beim Übersetzen in Maschinencode verloren gegangen. Was zurückkommt, ist eine Annäherung: Welche Funktion ruft welche auf, welche Daten fließen wohin, was passiert bei welcher Eingabe.
So funktioniert die Kette
REA selbst zerlegt nichts. Es ist ein MCP-Server, also eine standardisierte Schnittstelle, über die ein KI-Agent fremde Werkzeuge bedienen kann. Was MCP ist und wie es Betriebsdaten anbindet, haben wir in einem eigenen Beitrag erklärt. Dahinter hängen die eigentlichen Analysewerkzeuge, die je nach Ziel verschieden sind.
- Programme für Mac, Windows und Linux: Ghidra, IDA oder Hopper zerlegen den Maschinencode. Eines davon muss installiert sein.
- Websites: REA klinkt sich in einen Chrome-Browser ein und beobachtet, was die Seite im Hintergrund tut.
- Apps auf JavaScript-Basis, .NET-Programme, Android-Apps: werden direkt aus den Dateien gelesen, ohne zusätzliches Werkzeug oder mit einem frei verfügbaren.
Was zurückkommt, ist ausdrücklich nicht der Quellcode, sondern eine Beschreibung, wie ein Feature arbeitet, meist als Pseudocode. Dazu liefert REA Belege, woher es das weiß, und markiert Stellen, an denen die Analyse unsicher bleibt. Der Coding-Agent nimmt diese Beschreibung, schreibt daraus eine eigene Umsetzung, startet sie, probiert sie aus und bessert nach, bis das Ergebnis steht.
Was im Video gezeigt wird
Die Einrichtung dauert wenige Minuten: Adresse des GitHub-Projekts in Claude Code einfügen, „installier REA“ eingeben, neue Sitzung starten. Dann die Aufgabe: „Nutze REA, um die Vorschau von meinem Computer nachzubauen.“ Der Agent stellt Rückfragen, legt einen Plan vor und arbeitet ihn ab. Nach einigen Minuten öffnet er die eigene App, lädt ein Beispielbild, klickt durch die Funktionen und notiert Fehler. Maus und Tastatur bleiben dabei unberührt.
Das Ergebnis sieht aus wie das Original, bis auf leicht andere Farben. Informationen anzeigen, zoomen, hineinschreiben: alles da. Die Darstellung oben ist nachempfunden und kein Bildschirmfoto. Das Beispiel ist bewusst einfach gewählt. Die Vorschau ist ein kleines Programm mit überschaubaren Funktionen. Wie sich die Kette bei einer Buchhaltung, einer Warenwirtschaft oder einem Grafikprogramm schlägt, zeigt das Video nicht, und auch im Netz finden sich dazu bislang mehr Behauptungen als nachprüfbare Vorführungen.
Die Technik dahinter ist alt
Der Punkt, der in der Aufregung untergeht: Die drei Werkzeuge, die den Code zerlegen, sind in der Entwicklerwelt seit Langem bekannt. Neu ist nur, dass ein Agent sie per Texteingabe bedienen kann.
| Werkzeug | Herkunft | Seit | Zugang |
|---|---|---|---|
| IDA | Hex-Rays, Belgien. Der Klassiker unter den Disassemblern. | 1991 | Lizenz nötig, es gibt eine eingeschränkte Ausgabe ohne Gebühr |
| Ghidra | US-Geheimdienst NSA, intern laut Quellcode-Hinweisen seit Ende der 1990er. Auf der RSA-Konferenz 2019 veröffentlicht. | 2019 öffentlich | quelloffen, Apache-Lizenz |
| Hopper | Cryptic Apps, Frankreich. Für macOS und Linux entwickelt. | 2011 | Lizenz nötig |
Das Projekt selbst weist darauf hin, dass IDA und Hopper legal erworben sein müssen und REA keine Lizenz dafür mitbringt. Wer alle Wege nutzen will, zahlt also für die Werkzeuge, nicht für REA.
Hype und Sterne
Fast jedes Video zu REA beginnt mit derselben Grafik: der Zahl der GitHub-Sterne. Am 13. Oktober 2026 zeigt die Projektseite 195.000, nach rund 13.000 am 8. Oktober. Sterne sind Lesezeichen. Sie sagen, wie viele Leute etwas interessant fanden, nicht, wie viele es erfolgreich eingesetzt haben. Der Autor des Videos formuliert es so: Das Internet sei gerade ein Stück schneller als die Realität, und es gebe jede Menge Anreize, solche Geschichten zu pushen. Interessanter als Sternzahlen wären belastbare Vorführungen an komplexer Software. Die fehlen bislang.
Die These, alle Software werde faktisch quelloffen, verdient Anführungszeichen. Gemeint ist: Man kann hineinschauen und verstehen, wie etwas funktioniert. An der Lizenz und am geistigen Eigentum ändert das nichts.
Was das Urheberrecht sagt
Jemand im Netz schreibt, er habe die Creative Cloud nachgebaut und könne nun sein Abo kündigen. Was dabei weggelassen wird: Das geistige Eigentum von Adobe© gehört ihm damit nicht. Die Rechtslage in Deutschland ist klarer, als die Aufregung vermuten lässt. Sie setzt die EU-Richtlinie über den Rechtsschutz von Computerprogrammen um und gilt so in der ganzen Union.
§ 69d Abs. 3 UrhG: Wer ein Programm rechtmäßig nutzt, darf es beim Laden, Anzeigen und Ablaufen beobachten, um die Ideen und Grundsätze dahinter zu ermitteln. Das kann keine Lizenzbedingung verbieten.
§ 69e UrhG: Maschinencode zurückübersetzen ist ohne Zustimmung nur erlaubt, wenn es unerlässlich ist, damit ein eigenes, unabhängig entwickeltes Programm mit dem untersuchten zusammenarbeiten kann.
Die beim Dekompilieren gewonnenen Informationen dürfen ausdrücklich nicht für ein Programm verwendet werden, das dem Original in seiner Ausdrucksform im Wesentlichen ähnlich ist.
Der Europäische Gerichtshof hat 2012 entschieden: Die Funktionalität eines Programms ist keine Ausdrucksform und damit nicht urheberrechtlich geschützt. Wer eine Funktion mit eigenem Code neu umsetzt, verletzt kein Urheberrecht.
Dazu kommen Marken, Designrechte, Patente und die Nutzungsbedingungen von Diensten, die zu einer Software gehören. REA selbst schreibt in seiner Hinweisdatei, das Werkzeug sei für rechtmäßige Forschung, Ausbildung, Zusammenarbeit von Programmen, Softwarebewahrung und die Analyse eigener oder freigegebener Software gedacht. Ob die nötige Erlaubnis vorliegt, liegt in der Verantwortung des Nutzers. Das betrifft auch die Vorführung im Video: Den Vorschau-Nachbau will der Autor nach eigener Aussage nie als Produkt veröffentlichen.
Für den Nachbau eines Features braucht es REA meist nicht. Aktuelle Coding-Agenten machen Bildschirmfotos, bedienen Programme und sehen, was passiert. „Ich mag die Stapelverarbeitung in Programm X. Finde heraus, wie sie sich verhält, und bau mir das.“ Dabei wird nichts dekompiliert, nur beobachtet. Das deckt § 69d ab, und man kommt mit dem normalen Agenten schon weit.
Was das für Betriebe bedeutet
Wenn Ihr Betrieb an einer bestimmten Software hängt, ändert sich kurzfristig nichts. Die Lizenz, die Wartung, die Daten im System und die Schnittstellen bleiben, wie sie sind. Mittelfristig verschiebt sich etwas anderes: der Preis dafür, eine einzelne Funktion nachzubauen.
- Wer Software kauft: Die Frage „Standardlösung oder eigene Anwendung“ kippt öfter in Richtung eigene Anwendung. Nicht, weil man das Original kopiert, sondern weil die zwei oder drei Funktionen, die der Betrieb wirklich braucht, mit eigenem Code schnell gebaut sind.
- Wer Software verkauft: Der Wert liegt weniger im Code als in Daten, Pflege, Haftung, Schnittstellen und dem Vertrauen der Kunden. Was sich in einem Nachmittag nachbauen lässt, war schon vorher kein Schutz.
- Wer alte Software betreibt: Reverse Engineering wird zum Werkzeug der Softwarebewahrung. Ein Programm, dessen Hersteller es nicht mehr gibt, lässt sich untersuchen, um die eigenen Daten herauszuholen oder eine Schnittstelle nachzubauen. Genau dafür ist § 69e gedacht.
- Wer Websites betreibt: Was ein Browser sieht, konnte man schon immer lesen. Geschäftslogik gehört auf den Server, nicht in das JavaScript der Seite.
Die Grenzen
- Kein Quellcode. Die Analyse liefert eine Annäherung. Je größer das Programm, desto mehr Lücken und Fehldeutungen.
- Werkzeuge und Rechner. Ghidra braucht Java und viel Arbeitsspeicher, IDA und Hopper kosten Lizenzgebühren. Die Analyse großer Programme dauert.
- Kein Ersatz für Daten und Dienste. Eine Software, die an einen Server des Herstellers gekoppelt ist, läuft als Nachbau ohne diesen Server nicht.
- Rechtliches Risiko bleibt beim Nutzer. Der Agent prüft nicht, ob Sie dekompilieren dürfen.
- Belege sind nachzuprüfen. Der Agent formuliert auch falsche Schlüsse überzeugend. Die Ausgabe gehört gegengelesen, bevor jemand darauf baut.
Die Prognose aus dem Video halten wir für plausibel: In den nächsten Monaten werden Claude Code und andere Agenten vieles davon ohne Zusatzwerkzeug können. Reverse Engineering per Texteingabe wird dann keine Besonderheit mehr sein, sondern eine Fähigkeit unter vielen.
Mehr zum Thema: Softwareentwicklung mit KI-Agenten: Absicht vor Code und Quelloffene Werkzeuge im Betrieb.
Quellen
- Unfairer Vorteil: Dieses virale KI-Tool kann JEDE Software kopieren (REA & Claude nutzen), 12. Oktober 2026, 12:34 Min.
- REA auf GitHub: Funktionsumfang, unterstützte Agenten und Werkzeuge, Lizenz, Hinweise zur verantwortlichen Nutzung
- § 69d UrhG und § 69e UrhG: Ausnahmen von den zustimmungsbedürftigen Handlungen, Dekompilierung
- EuGH, Urteil vom 2. Mai 2012, C-406/10 (SAS Institute gegen World Programming): Funktionalität eines Programms nicht geschützt
- Ghidra auf GitHub: Herkunft, Lizenz
Stand der Angaben: 13. Oktober 2026. Sternzahlen und Versionsstände ändern sich täglich. Dieser Beitrag ist keine Rechtsberatung.
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