Leben 2035: KI-Agenten für jeden, Roboter im Haus, 100 Jahre alt. Was davon Prognose ist und was Meinung
In einem knapp zweistündigen Podcast-Gespräch beschreibt ein Zukunftsforscher, wie wir im Jahr 2035 leben werden: Jeder Mensch hat mehrere KI-Agenten, in Haushalten arbeiten humanoide Roboter, die Lebenserwartung steigt über 100 Jahre, und Gehirn-Computer-Schnittstellen trennen die Gesellschaft in zwei Gruppen. Grundlage ist ein aktuelles Buch über das Jahr 2035. Dieser Beitrag fasst die Thesen zusammen, ohne die zwei Stunden anhören zu müssen, sortiert sie nach dem, was heute schon beobachtbar ist, was Prognose ist und was Meinung, und zieht daraus, was ein Betrieb jetzt tun kann.
Alle Zahlen sind Aussagen aus dem Gespräch. Sie beruhen auf Interviews mit Entscheidern und Investoren, nicht auf Messungen.
- Wie solche Prognosen entstehen
- Wachstum statt Abstieg
- KI-Agenten: mehr als Menschen
- Roboter im Haushalt
- Arbeit und Einkommen
- Länger leben
- Gehirn und Computer
- Was das für Betriebe heißt
Wie solche Prognosen entstehen
Zukunftsforschung ist ein Studienfach mit eigener Methodik. Das Institut, das hinter dem Buch steht, arbeitet nach einem einfachen Grundsatz: Zukunft entsteht nicht demokratisch. Über die großen Triebkräfte wird nicht abgestimmt, sie entstehen aus den Entscheidungen weniger Menschen mit viel Geld und Einfluss. Also führt das Team jede Woche zehn bis fünfzehn zweistündige Interviews mit Strategie-, Innovations- und Technikverantwortlichen trendprägender Firmen und mit Investoren. Gefragt wird, wo das Geld heute hinfließt, warum, und was daraus in fünf oder zehn Jahren wird.
Das Ergebnis ist ausdrücklich keine Wahrheit, sondern das wahrscheinlichste Zukunftsbild. Aus diesem Bild entstehen zwei Dinge: eine Idealpositionierung für ein Unternehmen oder eine Person, und daraus ein Weg. Dieser Weg wird nicht vorwärts, sondern rückwärts geplant.
- geht von heutigen Stärken und Schwächen aus
- optimiert das Bestehende ein wenig
- ergibt eine flach steigende Linie
- laut dem Forscher die deutsche Paradedisziplin
- beginnt beim Zielbild in fünf oder zehn Jahren
- rechnet von dort die Schritte zurück
- ergibt eine deutlich steilere Linie
- zwingt dazu, Dinge wegzulassen
Schematische Darstellung der beiden Planungsrichtungen. Keine Messwerte.
Wachstum statt Abstieg: die Grundthese
Die zentrale Aussage des Gesprächs: Die Welt steht vor der größten Wachstumsphase der Menschheitsgeschichte. Die Studien des Instituts rechnen mit einer Verzwanzigfachung des Welt-Bruttoinlandsprodukts. Manche Technologieunternehmer sprechen sogar von einer Verhundertfachung. Als Beleg dient unter anderem ein KI-Unternehmen, das nach fünf Jahren mit knapp einer Billion Dollar bewertet wird, mehr als die deutsche Automobilindustrie in hundert Jahren an Wert geschaffen habe.
Das größte Missverständnis sei, besonders in Deutschland, dass man sich über Jahre eingeredet habe, der Zenit liege hinter uns. Wissenschaftlich betrachtet sei die Wahrscheinlichkeit, dass es besser wird, deutlich höher als das Gegenteil. Als Erklärung für den deutschen Pessimismus nennt der Forscher eine Generation, die gegen etwas zu sein gelernt habe, erst gegen Atomkraft, dann gegen Gentechnik, dann gegen Datennutzung und jetzt gegen KI, und die heute in allen Parteien, Unternehmen und Medien an den Schalthebeln sitze. Das sei seine Deutung, nicht Ergebnis einer Studie, sagt er selbst.
Die Wachstumszahl stammt aus Interviews mit Investoren und Firmenstrategen, also mit Menschen, die auf genau dieses Wachstum setzen und davon profitieren. Das macht die Prognose nicht falsch, aber sie ist eine Erwartung der Beteiligten, keine unabhängige Messung. Das einzige Risiko, das der Forscher selbst benennt: dass Deutschland und Europa sich diesem Wachstum nicht anschließen und es anderswo stattfindet.
KI-Agenten: 2030 mehr Agenten als Menschen
Der Teil des Gesprächs, der am dichtesten an der Gegenwart liegt, betrifft KI-Agenten. Firmen, die in der KI-Nutzung weit vorne sind, arbeiten heute nicht mehr mit einem einzelnen Chat, in den ein Mensch Befehle tippt. Sie betreiben Teams aus zehn bis fünfzehn kleinen, hoch spezialisierten KI-Programmen, die sich Aufgaben gegenseitig weiterreichen. Eines davon prüft und korrigiert. Der Mensch macht die Endkontrolle. Als Beispiel nennt der Forscher einen Kunden, der seinen Vertriebsprozess auf solche Agenten verlagert hat und seine Neukundengewinnung innerhalb von zwölf Monaten mehr als versechsfacht habe.
Für 2030 erwartet das Institut mehr KI-Agenten als Menschen: rund zehn Milliarden. Jeder Mensch hat dann einen oder mehrere persönliche Agenten, manche in der eigenen Stimme, manche mit mehreren Stimmen für verschiedene Zwecke. Diese Agenten sind permanent da, kennen Informationen, die man selbst nicht hat, und erledigen Aufgaben: Nachschub bestellen, Termine klären, Behördengänge vorbereiten. Wer will, lässt sich vorher fragen. Die meisten, so die Erwartung, werden sagen: Du kennst dich besser aus, mach du.
Die beiden Ebenen, wie sie im Gespräch beschrieben werden: oben reden Menschen mit Menschen, darunter Agenten mit Agenten.
Der Einwand, das sei kalt und technisch, wird im Gespräch umgedreht: Wenn Agenten die Verwaltung des Alltags übernehmen, bleibe mehr Zeit für Menschen. Der Forscher nennt das Gegenteil von Entmenschlichung. Wie Agenten heute in einem Betrieb konkret arbeiten, beschreiben wir auf der Seite KI-Agenten.
Roboter im Haushalt: 2040 mehr Roboter als Menschen
Die zweite Form von Agenten hat Hände. Humanoide Roboter, also Maschinen mit Kopf, Armen und Beinen, gesteuert von KI, übernehmen die Arbeiten, für die man Hände braucht: Spülmaschine ausräumen, putzen, in Betrieben Kisten schleppen und sortieren. Nach Zählung des Instituts bauen derzeit 108 Firmen weltweit solche Roboter, die meisten davon in Ostasien, in Europa zwei.
Preistreppe laut Herstellerangaben im Gespräch. Die Zielgröße für 2035 ist eine Erwartung der Hersteller, keine Zusage.
Im Buch lebt eine Familie mit zwei dieser Roboter im Haus. Für 2040 nennen Hersteller und Investoren die Erwartung, dass es mehr humanoide Roboter als Menschen gibt. Der Forscher hält fest: Ob man sich das wünscht, sei unerheblich, es komme mit hoher Wahrscheinlichkeit. Die einzige Frage sei, wie man sich damit verbindet, mit der eigenen Kompetenz, den Kindern, dem Geld.
Dass die Hersteller ihre eigenen Produkte für die Zukunft bezahlbar sehen, ist erwartbar. Belastbar ist heute: Es gibt die Geräte, sie werden verkauft und vermietet, und die Preise liegen im Bereich eines Kleinwagens. Was sie im Alltag zuverlässig schaffen, ist eine andere Frage als das, was in Vorführungen zu sehen ist.
Arbeit und Einkommen: die Stelle, an der der Forscher sich selbst widerspricht
Bemerkenswert ist, was der Forscher über sein eigenes Buch sagt. Dort steht, dass 2035 die meisten Menschen noch acht Stunden am Tag arbeiten, weil die Studien das so ergeben. Er selbst glaube das nicht mehr. Die Interviewpartner hätten möglicherweise nicht den richtigen Blick auf das Tempo. Anlass ist eine Firma, die am ersten Tag ihres Bestehens mit mehreren Milliarden Dollar bewertet wurde, weil ihr zugetraut wird, eine KI zu bauen, die sich ohne menschliches Training selbst weiterentwickelt. Damit sei die Diskussion über eine Superintelligenz keine Fernzukunft mehr, sondern ein Investitionsziel.
Fällt die Lohnarbeit früher weg als gedacht, müssen aus seiner Sicht drei Fragen geklärt werden:
- Wie kommen Menschen an Geld? Das Stichwort lautet Universal High Income, ein hohes Grundeinkommen von etwa 5.000 Dollar im Monat für jeden Menschen. Bei einem verzwanzigfachten Welt-Bruttoinlandsprodukt sei das rechnerisch möglich. Was hinter diesem Begriff steckt, haben wir in einem eigenen Beitrag zum Universal High Income auseinandergenommen.
- Was machen Menschen mit der Zeit? Zwei Theorien: Die einen sagen, sie werden träge oder aggressiv. Der Forscher tendiert zur anderen: Wer Zeit hat, wird schöpferisch. Wahrscheinlich gebe es beides.
- Was bleibt Arbeit? Empathieberufe: Coach, Mentor, Lehrer, Gemeinschaft organisieren, andere Menschen in Bewegung setzen. Ob das dann Beruf heißt und wie es bezahlt wird, lässt er offen.
Ein Punkt betrifft jeden, der sich schon einmal aus einer Krise herausgearbeitet hat. Die bisherige Methode, doppelt so viel zu arbeiten wie andere, werde nicht mehr funktionieren, weil Wertschöpfung künftig weniger aus menschlicher Arbeit und mehr aus Technologie und Kapital entstehe. Wer aus einer Krise herauswill, müsse sich an diese technische Entwicklung anschließen, statt mehr Stunden zu machen.
Dass ausgerechnet Technologiekonzerne ein Grundeinkommen und eine KI-Steuer fordern, erklärt der Forscher nüchtern: Wer am dichtesten an der Technik ist, sehe das Wegfallen der Lohnarbeit am klarsten und wolle keine sozialen Unruhen, sondern zahlungsfähige Kunden. Einige dieser Personen bereiteten sich parallel mit Rückzugsorten auf das Gegenteil vor.
Länger leben: drei Stufen
Vor fünf Jahren habe er geschrieben, die Generation der heutigen Kinder könne 120 Jahre alt werden. Heute sagt er: Das gilt auch für uns. Die Begründung ist dreistufig.
- 100Heute verfügbare Medizin konsequent anwendenGenanalyse, Ganzkörperbildgebung, ein Bluttest auf Krebszellen, rund 130 Biomarker. Ergebnis ist eine Liste der Krankheiten, die schon im Körper sind, aber erst in fünf Jahren spürbar würden. Die lassen sich dann mit normaler Medizin behandeln. Ein solches Jahresprogramm kostet derzeit rund 8.000 Dollar und ist keine Kassenleistung; die Erwartung ist, dass es in zehn Jahren bezahlbar wird.
- 120Stammzellen und GentherapieStammzelltherapien, die den Zellerneuerungsprozess wieder anstoßen, brauchen laut Gespräch noch 15 bis 20 Jahre bis zum Massenmarkt. Gentherapien gegen das Altern existieren, sind aber nicht zugelassen. Ein Arzt, der sie dennoch anbietet, habe sie bisher bei 400 Personen eingesetzt, zu rund 750.000 Dollar je Behandlung.
- 150Der Punkt, an dem Verjüngung schneller ist als AlternDie Erwartung, dass irgendwann in unserer Lebenszeit die Wirkung dieser Technologien die Geschwindigkeit des natürlichen Alterns übersteigt. Für die heutigen Kinder sei 150 die Größenordnung.
Die gesellschaftliche Frage dahinter: Wird Altern als Krankheit anerkannt? Wenn ja, fließe das Geld von Gesundheitssystem und Pharmaindustrie hinein, die Preise fielen. Wenn nein, bleibe es eine Nische. Das Argument des Forschers: Vor 200 Jahren starben 90 Prozent der Menschen an Infektionen, heute drei Prozent, weil Medizin entwickelt wurde. Heute sterben die meisten Menschen an Folgen des Alterns. Nach derselben Logik sei es Aufgabe der Medizin, das Altern zu behandeln. Natürlich sei das nicht, aber eine Tablette sei es auch nicht.
Stufe eins beschreibt Früherkennung mit vorhandener Technik und ist nachvollziehbar, wenn auch teuer. Stufe zwei und drei beruhen auf nicht zugelassenen Therapien, Einzelberichten und Erwartungen. Der Forscher investiert über eigene Fonds in Firmen aus diesem Bereich, das sagt er im Gespräch offen. Wer die Thesen bewertet, sollte das mitdenken.
Gehirn und Computer: die neue Trennlinie
Als wichtigste Technologie der nächsten zehn Jahre nennt der Forscher Gehirn-Computer-Schnittstellen. Dabei verbindet ein Sensor das Gehirn mit einem Computer und damit mit KI, entweder implantiert oder als Stirnband auf der Kopfhaut. Heute tragen weltweit etwa 100 Menschen ein Implantat, überwiegend Gelähmte, die damit Prothesen steuern und über den Rückweg auch spüren, ob ein Glas warm oder kalt ist. Die wichtigsten Hersteller in Ost und West haben die Tierversuche abgeschlossen und die klinischen Tests begonnen. Ihre Erwartung für 2035: zertifiziert, bezahlbar, freiwillig. Ein großer asiatischer Staat hat die Technologie in seinen aktuellen Fünfjahresplan aufgenommen.
Daraus leitet das Buch eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft ab, die nicht am Einkommen hängt, sondern an der kognitiven Souveränität:
Dazu ein Hinweis, den der Forscher als Beobachtung, nicht als Empfehlung formuliert: Diese Schnittstellen stünden heute an der Stelle, an der KI vor zehn Jahren stand.
Energie, Bremsdebatten und der Blick auf Europa
Drei weitere Thesen aus dem Gespräch in Kürze:
- Energie. Alles Beschriebene braucht enorm viel Strom. Große Investoren setzen auf laserinduzierte Kernfusion, bei der Atomkerne durch starke Laser verschmolzen werden, ohne die Risiken klassischer Kernkraft. Die Erwartung der Beteiligten: um 2040 mehr Energie, als die Welt verbrauchen kann. Mit genug Energie ließe sich auch Kohlendioxid wieder aus der Luft holen.
- Bremsdebatten. Die regelmäßig aufkommende Forderung, die KI-Entwicklung zu verlangsamen, folge einem Muster: Jemand verlässt ein KI-Labor, schreibt ein Buch oder einen Beitrag, die Medien greifen es auf, die Konzernchefs sagen wahrheitsgemäß, niemand wisse, wohin das führe. Nur bremst niemand, weil dann ein anderes Land davonzieht. Die einzigen, die das zuließen, seien die Europäer.
- Europa. Technologisch liege Europa in KI-Fragen Jahre zurück, unter anderem weil der europäische Datenschutz das Speichern von Daten ohne bekannten Zweck verbietet und damit genau die Datentöpfe, aus denen selbstlernende KI lernt. Europäische Firmen verlagern ihre Trainingszentren deshalb nach Übersee. Der Hebel, der bleibe: Europa ist ein großer, zahlungskräftiger Markt. Wer hier verkaufen will, könnte an den Erträgen beteiligt werden. Und Technologie entwickle sich in S-Kurven, bei der nächsten oder übernächsten könne man wieder dabei sein.
Als historische Parallele nennt der Forscher ein Gesetz aus der Frühzeit des Automobils: Vor jedem Wagen musste ein Mensch mit roter Fahne laufen, damit er nicht schneller als Schrittgeschwindigkeit fuhr. Durchgesetzt von der Kutschenbranche, gültig über drei Jahrzehnte, nach gut einem Jahrzehnt von niemandem mehr beachtet. Seine Übertragung auf heutige KI-Regulierung ist deutlich.
Was belastbar ist und was nicht
Ein 90-minütiges Gespräch mischt Beobachtung, Prognose und persönliche Haltung. Sortiert nach diesen drei Kategorien:
Der Gedanke, der das Gespräch zusammenhält, ist unabhängig von einzelnen Zahlen: Es gebe keine Gegenwart mehr, nur eine Vergangenheit mit alten Regeln und eine Zukunft mit neuen, und die Gegenwart dazwischen schrumpfe auf Sekunden. Wer heute entscheide, könne das auf Basis der Erfahrung von gestern tun oder auf Basis der wahrscheinlichen Welt von morgen. Die zweite Gruppe sei erfolgreicher und zufriedener. Das ist keine Statistik, sondern eine Haltung. Als Haltung ist sie brauchbar.
Was das für Betriebe heißt
Von den Thesen muss man keine glauben, um drei Dinge daraus zu ziehen, die heute schon funktionieren:
Wir bauen KI-Agenten für wiederkehrende Abläufe, richten lokale KI auf eigener Hardware ein und ordnen vorher, welche Aufgaben in einem Betrieb überhaupt dafür taugen, abgestimmt auf datenschutzkonforme KI.
Welche Abläufe gehören zuerst an einen Agenten?
Wir sichten Ihre wiederkehrenden Aufgaben, bauen den ersten Agenten für den Ablauf mit dem größten Zeitgewinn und binden ihn an Ihre Daten an. Remote, ganz ohne Zugriff auf Ihren Rechner.
- Bestandsaufnahme Ihrer Abläufe
- Erster Agent mit Prüfschritt
- Lokales Modell, wo Kundendaten im Spiel sind
- Daten bleiben in Deutschland
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