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Webseite & Zukunft10. Juni 2026 · 12 Min. Lesezeit

Das Ende der WordPress-Ära: Warum Vibe-Coding die Webentwicklung übernimmt

Moderner Arbeitsplatz mit Terminal und Code statt klassischem CMS-Backend

WordPress betreibt 43 Prozent aller Websites weltweit. Zwanzig Jahre lang war es die Standardantwort auf die Frage „Wie bekomme ich eine Website?". Diese Antwort ist überholt. Nicht weil WordPress schlechter geworden ist, sondern weil sich die Werkzeuge so grundlegend verändert haben, dass der gesamte Ansatz von WordPress nicht mehr zeitgemäß ist.

Was passiert ist: Code schreibt sich jetzt selbst

Im Jahr 2024 hat sich etwas verschoben, das die Webentwicklung grundlegend verändert. KI-Modelle wie Claude von Anthropic und Codex von OpenAI haben ein Niveau erreicht, auf dem sie nicht mehr nur Code-Schnipsel vorschlagen, sondern komplette, funktionsfähige Anwendungen erzeugen. Eine Website mit Kontaktformular, responsivem Layout, Suchmaschinenoptimierung und Datenschutz-konformem Cookie-Handling entsteht heute in einem Gespräch mit einer KI. Nicht als Prototyp, sondern als produktionsfertiger Code.

Das Phänomen hat einen Namen: Vibe-Coding. Der Entwickler beschreibt in natürlicher Sprache, was die Website können soll. Die KI schreibt den Code. Der Entwickler prüft, korrigiert, verfeinert. Das Ergebnis ist maßgeschneidert, schlank und schnell, weil nur der Code entsteht, der tatsächlich gebraucht wird.

Warum WordPress das Problem ist, nicht die Lösung

WordPress löst ein Problem aus dem Jahr 2003: Wie erstellt jemand ohne Programmierkenntnisse eine Website? Die Antwort war ein CMS mit Themes und Erweiterungen. Was als elegante Lösung begann, ist zu einem Konstrukt gewachsen, das seine eigene Komplexität nicht mehr rechtfertigt.

Eine durchschnittliche WordPress-Seite im Jahr 2026 lädt 30 bis 60 Erweiterungen. Jede davon bringt eigenes CSS, eigenes JavaScript, eigene Datenbankabfragen und eigene Sicherheitslücken mit. Das Ergebnis: Ladezeiten, die Google bestraft. Angriffsflächen, die Wartung erzwingen. Und eine Abhängigkeit von Drittanbietern, die bei jedem WordPress-Core-Update brechen kann.

Dazu kommt ein wirtschaftliches Problem. Eine professionelle WordPress-Agentur braucht für eine Unternehmenswebsite typischerweise vier bis acht Wochen. Sie installiert ein Theme, passt es an, installiert Erweiterungen für das, was das Theme nicht kann, und kämpft dann mit Inkompatibilitäten. Das Ergebnis sieht aus wie tausend andere Seiten, weil es auf demselben Theme basiert.

Was Vibe-Coding konkret anders macht

Stellen Sie sich vor, Sie sagen: „Ich brauche eine Website für mein Ingenieurbüro. Drei Leistungsseiten, ein Kontaktformular mit Weiterleitung an meine geschäftliche E-Mail, einen Bereich für Referenzen mit Bildern und eine automatische Sitemap für Google. Deutsch, schnell, datenschutzgerecht, auf meinem eigenen Server." Früher war das ein Briefing für eine Agentur. Heute ist das ein Prompt für Claude oder Codex.

Die KI erzeugt daraus nicht ein Theme mit Anpassungen, sondern eigenständigen Code. PHP, HTML, CSS, kein Framework, das Ballast mitbringt. Das Kontaktformular braucht keine Erweiterung, die 200 Kilobyte JavaScript mitschleppt, es sind 40 Zeilen PHP. Die Sitemap braucht kein SEO-Plugin, es ist eine einzige Datei, die beim Speichern einer Seite aktualisiert wird.

Der Unterschied in Zahlen:
KriteriumWordPressVibe-Coding
Code-Umfang (typische Firmenseite)8–15 MB200–800 KB
Erweiterungen/Abhängigkeiten30–600
Ladezeit (Lighthouse Mobile)2–6 Sekunden0,3–1 Sekunde
Sicherheitsupdates/Monat2–80 (kein öffentliches CMS)
Projektdauer bis Live4–8 WochenTage bis wenige Wochen

Warum Agenturen das nicht erzählen

WordPress-Agenturen verdienen ihr Geld mit WordPress. Ein Ökosystem aus Theme-Anpassung, Erweiterungs-Konfiguration, Wartungsverträgen und Notfall-Support. Wenn die Website keinen Wartungsvertrag braucht, weil es keine Erweiterungen gibt, die brechen können, fällt ein ganzes Geschäftsmodell weg.

Das ist kein Vorwurf. Es ist die Erklärung, warum Sie von Ihrer Agentur nicht hören werden, dass es heute einen anderen Weg gibt. Wer Hammer verkauft, empfiehlt keine Schrauben.

Sicherheit: weniger Code, weniger Angriffsfläche

WordPress ist das meistangegriffene CMS der Welt. Nicht weil es besonders schlecht programmiert wäre, sondern weil es das größte Ziel ist und eine Architektur hat, die Angreifern systematisch entgegenkommt: öffentliche Login-Seite, bekannte Verzeichnisstruktur, Erweiterungen mit unterschiedlichsten Sicherheitsstandards.

Eine vibe-codete Website hat keine öffentliche Login-Seite, weil sie kein Backend hat. Sie hat keine bekannte Verzeichnisstruktur, weil sie keine Standard-Struktur verwendet. Sie hat keine Erweiterungen mit Sicherheitslücken, weil sie keine Erweiterungen hat. Die Angriffsfläche schrumpft auf das, was der Webserver und PHP selbst mitbringen.

Für wen WordPress noch Sinn ergibt

Es gibt Szenarien, in denen WordPress heute noch die richtige Wahl ist. Große redaktionelle Teams mit zehn oder mehr Autoren, die gleichzeitig Inhalte pflegen, brauchen ein CMS-Backend. Online-Shops mit tausenden Produkten und komplexer Lagerverwaltung haben mit WooCommerce ein ausgereiftes Ökosystem. Wer bereits eine funktionierende WordPress-Seite hat und damit zufrieden ist, muss nicht wechseln.

Aber: Die typische Unternehmenswebsite mit fünf bis zwanzig Seiten, die ein bis zweimal im Monat aktualisiert wird? Dafür braucht niemand mehr eine Datenbank, ein Admin-Panel, eine Update-Routine und dreißig Erweiterungen. Dafür braucht man guten Code und einen schnellen Server.

Was das für Ihr nächstes Webprojekt bedeutet

Wenn Sie in den nächsten Monaten eine neue Website planen oder einen Relaunch erwägen, stellen Sie Ihrem Anbieter drei Fragen:

1. Wie viele Erweiterungen wird meine Website brauchen?

2. Was passiert, wenn ich den Wartungsvertrag kündige?

3. Können Sie dasselbe Ergebnis auch ohne WordPress liefern, und wenn ja, warum tun Sie es nicht?

Die Antworten verraten, ob Ihr Anbieter Ihr Problem löst oder sein Geschäftsmodell bedient.

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Ein Blick in die Zukunft

Die KI-Modelle, die heute Code schreiben, werden in sechs Monaten deutlich besser sein als heute. Die Schwelle sinkt weiter: Was heute ein erfahrener Entwickler mit KI-Unterstützung in Tagen baut, wird bald ein Geschäftsinhaber mit einem guten Briefing in einem Nachmittag erzeugen können.

WordPress wird nicht über Nacht verschwinden. Es wird langsam irrelevant, so wie Flash, so wie Joomla, so wie alle Technologien, die von etwas Besserem überholt werden. Der Marktanteil wird sinken, die Erweiterungsentwickler werden auf andere Plattformen wechseln, die Agenturen werden sich neu erfinden oder verschwinden.

Für Unternehmen, die heute eine Website brauchen, ist die Frage nicht mehr: „Welches WordPress-Theme nehmen wir?" Die Frage ist: „Was soll unsere Website können?" Alles andere ergibt sich daraus.

Weiterlesen:

TYPO3 am Ende — dasselbe Argument für das Enterprise-CMS: TypoScript, Extensions, 18-Monats-Migrationszyklen und warum das alles nicht mehr nötig ist.

Dieser Artikel gibt die Einschätzung der Netzhandwerker-Manufaktur wieder. Wir entwickeln Websites mit und ohne CMS, je nachdem, was technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist. Die genannten KI-Modelle sind Produkte ihrer jeweiligen Hersteller (Anthropic, OpenAI). Wir stehen in keiner geschäftlichen Beziehung zu diesen Unternehmen.

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