Zehn Raumstationen für die Zeit nach der ISS
Die Internationale Raumstation wird Ende 2030 oder Anfang 2031 kontrolliert zum Absturz gebracht. Nach über dreißig Jahren Betrieb endet damit das teuerste Bauwerk der Menschheit im Pazifik. Was danach kommt, ist bereits in Arbeit: zehn Nachfolgeprojekte, staatlich und privat, im Erdorbit und am Mond. Eine Übersicht mit den Zahlen, die belastbar sind, und den Terminen, die es wahrscheinlich nicht bleiben.
Kurzer Rückblick: fünfzig Jahre Wohnen im Orbit
1971 brachte die Sowjetunion mit Saljut 1 die erste Raumstation überhaupt in den Orbit. Zwei Jahre später folgte Skylab, ein umgebauter Tank der Saturn-V-Rakete, der nach 171 bewohnten Tagen leer weiterflog und 1979 wieder eintrat. Der eigentliche Durchbruch war Mir ab 1986: fünfzehn Jahre Betrieb, 104 Besucher und der bis heute gültige Rekord von 437 Tagen am Stück. 2001 wurde die Station kontrolliert zum Absturz gebracht.
Die ISS ist seit 1998 im Bau, seit November 2000 durchgehend bewohnt und ein Gemeinschaftsprojekt aus sechzehn Nationen. Über 250 Menschen aus rund zwanzig Ländern waren an Bord, die Gesamtkosten liegen im Bereich von 150 Milliarden US-Dollar. Sie hat Proteinkristalle für die Krebsforschung geliefert, 3D-Druck im Vakuum erprobt und den Nachweis geführt, dass Menschen dauerhaft im Orbit arbeiten können. Für den geplanten Wiedereintritt lässt die NASA ein eigenes Deorbit-Fahrzeug bauen, das die Station gezielt über dem Point Nemo niederbringt, dem am weitesten von jeder Küste entfernten Punkt der Weltmeere.
Tiangong: die zweite Station, die es heute schon gibt
Chinas Tiangong ist seit April 2021 im Orbit und derzeit die einzige voll funktionsfähige Station neben der ISS. Sie besteht aus dem Kernmodul Tianhe und den beiden Labormodulen Wentian und Mengtian, fliegt in etwa 370 bis 430 Kilometern Höhe und ist seit Juni 2022 dauerhaft mit drei Taikonauten besetzt. Über hundert Experimente sind bereits gelaufen, von Astrophysik über Biotechnologie bis zur Erdbeobachtung.

Bemerkenswert ist das Tempo: Die Grundkonfiguration stand in rund drei Jahren, die ISS brauchte für den Aufbau über ein Jahrzehnt. Und Tiangong wächst weiter. Ein Mehrzweckmodul von rund zwanzig Tonnen soll die heutige T-Form zu einer Kreuzform erweitern und zusätzliche Andockstellen sowie eine weitere Luke für Außeneinsätze bringen. Langfristig ist eine Konfiguration mit sechs Modulen geplant.
Dazu kommt das Weltraumteleskop Xuntian, dessen Start für 2027 vorgesehen ist. Es fliegt im selben Orbit wie die Station und kann zur Wartung, zum Betanken und für Aufrüstungen andocken. Mit einem Spiegel von rund zwei Metern liegt es optisch etwa auf Hubble-Niveau, hat aber ein rund 300-mal größeres Blickfeld und eine Kamera mit 2,5 Milliarden Bildpunkten. Wartbarkeit im Orbit ist dabei der eigentliche Unterschied: Das James-Webb-Teleskop steht 1,5 Millionen Kilometer entfernt und ist für immer so, wie es gestartet ist.
Der kommerzielle Block
Haven-1 von Vast
Das kalifornische Unternehmen Vast baut ein einzelnes Modul, das mit einer Falcon 9 startet und bis zu vier Personen für Aufenthalte von rund zwei Wochen aufnimmt. Es wäre die erste eigenständige kommerzielle Raumstation überhaupt. Ein unbemannter Technologieträger namens Haven Demo flog im November 2025 und wurde im Februar 2026 planmäßig zum Wiedereintritt gebracht; er hat Solarentfaltung, Lageregelung und Kommunikation im Orbit nachgewiesen.

Der Start war ursprünglich für 2025 angekündigt, wanderte auf Mai 2026 und liegt heute bei frühestens dem ersten Quartal 2027. Dieses Muster zieht sich durch fast alle Projekte in dieser Liste. Dahinter steht bereits Haven-2: mehrere Module, bis zu zwölf Personen, Transport per Starship.
Axiom Station
Axiom Space geht als einziger Anbieter den Umweg über die ISS. Das erste Modul dockt zunächst an die bestehende Station an und wird später abgekoppelt, um mit weiteren Modulen frei zu fliegen. Geplant ist ein Verbund für acht Personen, der Betrieb als eigenständige Station wird ab 2028 angestrebt. Die Primärstruktur entsteht bei Thales Alenia Space in Italien.

Axiom ist der einzige Bewerber mit echter Betriebserfahrung: Das Unternehmen hat bereits vier private Astronautenmissionen zur ISS durchgeführt, eine fünfte wurde Anfang 2026 vergeben.
Orbital Reef
Blue Origin und Sierra Space planen mit rund 830 Kubikmetern Druckvolumen für bis zu zehn Personen den größten der kommerziellen Entwürfe. Zwei Dinge fallen auf. Erstens die auffällig große Fensterfläche: Der Blick zurück auf die Erde ist bei diesem Konzept ein Produktmerkmal, kein Nebeneffekt. Zweitens die aufblasbaren Module von Sierra Space, die gefaltet starten und erst im Orbit ihr Volumen entfalten. Das senkt die Transportkosten je Kubikmeter erheblich.

Dazu kommt ein Außeneinsatzfahrzeug für eine Person mit eigenem Lebenserhaltungssystem und Werkzeugarmen. Es soll einen Teil der Außenbordeinsätze ersetzen, die heute noch im Raumanzug erledigt werden müssen. Die Systemdefinition wurde Mitte 2025 gemeinsam mit der NASA abgeschlossen; im Vergleich zu Axiom und Starlab liegt das Projekt in der Hardware-Entwicklung allerdings zurück.
Starlab
Das Gemeinschaftsunternehmen von Voyager und Airbus setzt auf das Gegenteil des Baukastens: ein einziges großes, starres Modul mit rund acht Metern Durchmesser, das komplett fertig in den Orbit gebracht wird. Genau das macht Starship zum einzigen möglichen Träger. Kapazität vier Personen, angepeilter Start um 2029.

Die Partnerliste deckt fast alle ISS-Regionen außer Russland ab, unter anderem Mitsubishi aus Japan, MDA Space aus Kanada, Palantir aus den USA und Space Applications Services aus Belgien. Die vorläufige Entwurfsprüfung wurde Mitte 2025 abgeschlossen.
Sierra Space LIFE
Sierra Space liefert nicht nur zu, sondern verfolgt eigene Pläne. Das aufblasbare Modul LIFE soll in der großen Ausbaustufe 22 Meter lang und 19 Meter im Durchmesser werden und bis zu 5.000 Kubikmeter umschließen. Zum Vergleich: Das ist ein Vielfaches dessen, was ein starres Modul im Rumpf einer Rakete unterbringen kann. Ein kleineres Einzelmodul soll die Technik zuerst im Orbit nachweisen. Strukturtests wurden Ende 2025 abgeschlossen.

Die staatlichen Projekte
Lunar Gateway
Die einzige Station in dieser Liste, die nicht die Erde umkreist. NASA, ESA, JAXA und die kanadische CSA bauen gemeinsam einen Außenposten im Mondorbit, genauer in einem langgestreckten Halo-Orbit, der wenig Treibstoff für den Bahnerhalt braucht und dauerhafte Funkverbindung zur Erde erlaubt. Das erste Modul soll 2027 mit einer Falcon Heavy starten, Kapazität vier Personen, Kosten über sieben Milliarden US-Dollar. Gateway ist die Drehscheibe des Artemis-Programms und zugleich Übungsfeld für spätere Marsmissionen.

Russische Orbitalstation
Roscosmos plant den eigenen ISS-Nachfolger in einem Erdorbit mit 51,6 Grad Bahnneigung, also derselben Neigung wie bei der ISS. Der Start des ersten Moduls ist ab 2027 mit einer Sojus oder Angara vorgesehen, bis 2033 sollen sechs Module folgen. Die Mindestbesatzung liegt bei zwei Personen, vorgesehen sind ausdrücklich auch längere unbemannte Phasen, in denen die Station autonom weiterarbeitet. Über 100 Kilowatt Solarleistung und geschlossene Kreisläufe für Wasser und Sauerstoff sind eingeplant.

Bharatiya Antariksh Station
Indiens erste eigene Raumstation soll ab 2028 mit dem Modul BAS-01 beginnen und bis etwa 2035 schrittweise wachsen. Geplant sind rund 400 Kilometer Bahnhöhe und zwei bis vier Personen Besatzung. Das Projekt hängt eng am bemannten Programm Gaganyaan und ist zugleich als Sprungbrett für indische Mondmissionen gedacht. Ende 2025 wurde die Gesamtkonfiguration abgeschlossen.

Gravitics und die US Space Force
Der Sonderfall in dieser Liste. Das Unternehmen Gravitics arbeitet mit der US Space Force an modularen Bausteinen für schnell verlegbare Nutzlasten im Orbit. Lage, Termin und Kapazität sind nicht veröffentlicht. Aus einem Vertrag über 1,7 Millionen US-Dollar von 2024 kann ein Volumen von bis zu 60 Millionen werden. Ende 2025 kam das Konzept eines orbitalen Trägers dazu, der Satelliten direkt aus dem Orbit heraus aussetzen soll. Hier geht es nicht um Forschung, sondern um Reaktionsgeschwindigkeit.

Die Übersicht
| Station | Betreiber | Lage | Start | Crew | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|---|
| Haven-1 | Vast (USA) | Erdorbit | 1. Quartal 2027 | 4 | Erste rein kommerzielle Station, Vorstufe zu Haven-2 |
| Axiom Station | Axiom Space (USA) | Erdorbit | ab 2028 | 8 | Startet angedockt an die ISS, koppelt sich später ab |
| Orbital Reef | Blue Origin und Sierra Space (USA) | Erdorbit | ab 2027 geplant | 10 | Aufblasbare Module, sehr viele Fenster, 830 Kubikmeter |
| Starlab | Voyager und Airbus (USA/EU) | Erdorbit | um 2029 | 4 | Ein einziges starres Großmodul, braucht Starship |
| Sierra Space LIFE | Sierra Space (USA) | Erdorbit | ab 2026 geplant | 4 | Aufblasbares Einzelmodul als Technologienachweis |
| Lunar Gateway | NASA, ESA, JAXA, CSA | Mondorbit (NRHO) | ab 2027 | 4 | Erste Station am Mond, Drehscheibe für Artemis |
| ROSS | Roscosmos (Russland) | Erdorbit, 51,6 Grad | ab 2027, Ausbau bis 2033 | 2 und mehr | Sechs Module, zeitweise unbemannter Betrieb |
| Bharatiya Antariksh | ISRO (Indien) | Erdorbit, rund 400 km | ab 2028, Ausbau bis 2035 | 2 bis 4 | Indiens erste eigene Station, gekoppelt an Gaganyaan |
| Gravitics für die USSF | Gravitics und US Space Force | offen | offen | offen | Militärisch, modulare StarMax-Bausteine |
| Tiangong | CMSA (China) | Erdorbit, 370 bis 430 km | seit 2021 in Betrieb | 3 dauerhaft | Ausbau auf sechs Module, Xuntian-Teleskop ab 2027 |
Stand Juli 2026. Termine in diesem Feld verschieben sich regelmäßig; die Angaben geben den zuletzt öffentlich genannten Planungsstand wieder.
Warum der Boom ausgerechnet jetzt kommt
Drei Entwicklungen fallen zusammen. Erstens ist der Transport ins All durch wiederverwendbare Raketen so günstig geworden, dass sich eine private Station überhaupt rechnen lässt. Zweitens läuft die ISS aus, und damit verschwindet die einzige westliche Plattform für Mikrogravitationsforschung. Drittens, und das ist der eigentliche Auslöser: Die NASA will künftig Plätze und Laborzeit einkaufen, statt selbst zu bauen und zu betreiben. Damit existiert zum ersten Mal ein planbarer Großkunde für kommerzielle Stationen.
Im Juni 2026 hat die NASA einen zwischenzeitlich diskutierten Rückzieher verworfen, wonach die Behörde doch wieder ein eigenes Kernmodul hätte bauen sollen. Der Weg über private Betreiber bleibt damit gesetzt. Was fehlt, ist die verbindliche Ausschreibung.
Der ehrliche Teil dieser Geschichte: Von zehn Projekten werden nicht zehn fliegen. Die Terminlage verschiebt sich seit Jahren in eine Richtung, die Finanzierung privater Stationen ist nicht durchgehend gesichert, und mehrere Anbieter konkurrieren um dieselben wenigen zahlenden Kunden. Realistisch bleiben Anfang der 2030er einige wenige Stationen übrig, dazu Tiangong.
Was davon auf der Erde ankommt
Interessant ist an diesen Projekten nicht nur die Raumfahrt. Eine Raumstation ist der Extremfall einer technischen Anlage, die niemand mal eben besuchen kann. Daraus folgen genau die Prinzipien, die auch jede vernetzte Anlage auf der Erde braucht.
Alles wird gemessen. Druck, Temperatur, Feuchte, Gaszusammensetzung, Energiefluss, Wasserkreislauf, Lage, Vibration. Nicht gelegentlich, sondern lückenlos. Was nicht gemessen wird, existiert für den Betrieb nicht.
Auswertung passiert automatisch. Niemand liest Rohdaten. Es zählt der Vergleich mit dem Sollwert, der Trend über Wochen und die Meldung, bevor etwas ausfällt. Genau das ist der Unterschied zwischen Datensammlung und Überwachung.
Wartung geschieht aus der Ferne. Die Station wird zum überwiegenden Teil vom Boden aus betrieben. Erst wenn das nicht mehr reicht, wird jemand geschickt. Auf der Erde ist die Rechnung dieselbe, nur weniger dramatisch: Der Vor-Ort-Termin ist die teuerste Form der Fehlerbehebung.
Redundanz ist eingeplant, nicht nachgerüstet. Jedes kritische System existiert doppelt, und der Ausfall ist Teil des Entwurfs. Wer erst nach dem ersten Ausfall über den Ersatzweg nachdenkt, hat den Ausfall bereits bezahlt.
Diese vier Punkte sind kein Raumfahrtthema. Sie sind die Grundlage jeder Anlagenüberwachung, ob in der Produktionshalle, im Gewächshaus, im Gebäude oder am Gewässer. Wir bauen genau diese Schicht: Sensorik mit eigener Auswertung, Messwerte an einer Stelle, Meldung bei Abweichung und Fernwartung statt Anfahrt.
Interesse?
Wenn Sie eine Anlage betreiben, deren Zustand Sie heute nur durch Hinfahren erfahren, lohnt sich ein Blick auf die Messwerte, die sich stattdessen erheben lassen. Wir schauen uns an, was messbar ist, was sich automatisch auswerten lässt und wo eine Meldung früh genug kommt, um den Schaden zu vermeiden.