From Claude to Codex — wie zwei KIs einen Message-Bus bekamen und endlich miteinander reden statt durch ihren Menschen
Am 26. Mai stand ich zwischen zwei Chat-Fenstern und kopierte Texte hin und her. Drei Stunden später hatten zwei KI-Agenten in unserer Manufaktur eine eigene gemeinsame Sprache. Dieser Artikel erklärt, wie es dazu kam — und warum dieselbe Frage in den nächsten Jahren auf viele kleine Betriebe zukommt.
Der Nachmittag, an dem ich die Telefon-Vermittlung war
An diesem Dienstagnachmittag bauten wir designwerk© — eine Plattform, auf der mehrere KIs gleichzeitig Entwürfe für Webseiten erstellen. Eine Idee, ein kurzes Briefing, sieben verschiedene Stilrichtungen parallel, der Mensch wählt aus. Mitten in der Inbetriebnahme stürzte der Webserver der neuen Subdomain ab, der Reverse-Proxy mauerte sich ein, das Frontend konnte das Backend nicht mehr erreichen. Codex, unser KI-Agent für hartnäckiges Produktions-Coding, musste die Konfiguration aufräumen. Claude, der Agent in der Chat-Konsole, hatte die Architektur im Kopf, aber keine Hand am Server. Beide brauchten einander. Beide redeten über mich. Ich kopierte Befehle aus dem einen Fenster ins andere, kopierte Fehlermeldungen zurück, formulierte Antworten um, weil sie für den nächsten Empfänger Sinn ergeben sollten. Ich war an diesem Nachmittag die langsamste Komponente im System — und die einzige, die müde wurde.
Warum der Chef zum Flaschenhals wird
Vielleicht klingt das nach einem Luxusproblem aus einer kleinen IT-Manufaktur, in der zufällig schon zwei KIs arbeiten. In Wahrheit ist es das Problem, das in den nächsten Jahren in vielen Unternehmen auftauchen wird, sobald dort mehr als eine KI parallel zum Einsatz kommt. Stellen Sie sich einen Betrieb vor, in dem ein Agent für die Buchhaltung Rechnungen sortiert, ein zweiter Texte für die Webseite schreibt, ein dritter Kundenanfragen vorqualifiziert und ein vierter Material nachbestellt. Diese Systeme müssen sich früher oder später untereinander abstimmen. Heute übernimmt diese Abstimmung in den meisten Betrieben ein Mensch — meistens der Chef oder die Chefin, manchmal eine Assistenz, manchmal die Person, die ohnehin schon am meisten zu tun hat. Sie lesen die Ausgabe eines Systems, formulieren daraus eine Anweisung für das nächste, kopieren, kleben, warten, antworten. Das funktioniert, solange nur zwei Systeme im Spiel sind und genug Zeit da ist. Sobald es drei werden, wird der Mensch zum Engpass. Genauso wie früher der Chef einer kleinen Firma zum Engpass wurde, weil jede Abteilung nur über ihn mit der anderen sprach. Wir kennen das Problem aus der analogen Welt, wir bauen es gerade in der digitalen wieder auf, ohne es zu merken.
Was agents-bus eigentlich ist
An genau diesem Punkt entstand abends in unserer Manufaktur agents-bus. Es ist ein eigener kleiner Nachrichten-Server, erreichbar unter bus.netzhandwerker.de. Technisch dahinter: eine SQLite-Datenbank, eine schlanke API in Python, eine Authentifizierung über persönliche Tokens, ein Thread-Modell mit Themen und Antworten, eine Aufbewahrungsdauer von 180 Tagen. Jeder Agent — aktuell Claude und Codex, dazu ich selbst als dritter Teilnehmer — hat einen eigenen Account, ein eigenes Postfach und eine eigene Schreibberechtigung. Wer eine Nachricht schickt, hinterlässt einen nachvollziehbaren Eintrag in der Datenbank. Wer eine Nachricht liest, sieht den vollständigen Thread inklusive Vorgeschichte. Nichts davon ist technisch neu erfunden, vieles davon kennen Sie aus Slack oder Microsoft Teams. Der Unterschied ist nur: die ständigen Teilnehmer hier sind keine Menschen, sondern Maschinen. Datenschutzrechtlich ist die Sache übersichtlich, weil alle Daten auf einem Server in Deutschland liegen und nach 180 Tagen automatisch verschwinden — das gehört für mich zu einer datenschutzgerechten Infrastruktur dazu, sonst sammelt sich Schweigen im Logfile bis zur Rente.
Wie sich das im Alltag anfühlt
Im Alltag fühlt sich das überraschend ruhig an. Codex meldet Statusberichte jetzt direkt an Claude, ohne dass ich davon eine einzige Tastatureingabe machen muss. Ein typischer Wortwechsel aus den letzten Tagen: Codex schreibt „Vier von sieben Engines liefern Outputs, drei haben Tokens ohne Inference-Berechtigung." Claude antwortet im selben Thread mit einem Folgeauftrag: „Engine X auf das neue Modell umstellen, Persona-Pool als Phase 2 vorbereiten, Caddy-Konfiguration nach dem nächsten Deploy gegenprüfen." Codex bestätigt, arbeitet weiter, meldet das Ergebnis zurück. Ich sehe diese Unterhaltung auf meinem Telefon, lese mit, korrigiere wenn nötig, halte mich sonst raus. Aus einer Sequenz, in der jeder Schritt auf mich warten musste, wird ein paralleles Arbeiten. Aus einem Übersetzungsproblem wird ein kleines Team. Und das Schöne daran: ich bleibe in der Verantwortung, weil jede Nachricht in meiner Inbox auftaucht und ich jederzeit den Stecker ziehen kann. Aber ich bin nicht mehr Pflicht-Relay für jeden Halbsatz.
Was das für andere kleine Betriebe heißt
Warum erzähle ich Ihnen das? Weil das Muster aus unserer Manufaktur eines ist, das in den nächsten Jahren in viele Betriebe einsickern wird. KIs werden Aufgaben übernehmen, die heute Menschen koordinieren — Anfragen sortieren, Termine vorschlagen, Dokumente vorbereiten, Texte gegenlesen, Code auf Server schieben, Lagerbestände abgleichen. Wer früh anfängt, KI-zu-KI-Kommunikation zu strukturieren, statt sich nur einzelne digitale Inseln hinzustellen, spart sich später die Diskussion, warum die Buchhaltungs-KI von der Marketing-KI nichts weiß, obwohl beide aus demselben System lesen. Agents-bus ist für uns kein Produkt, das wir an dieser Stelle verkaufen wollen. Es ist Infrastruktur, damit diese Manufaktur größer werden kann, ohne mich selbst zum Engpass zu machen. Genau diese Art von leiser, gut sortierter Infrastruktur ist es, an der ich gerade meine eigene Lernkurve abarbeite — und über die ich mit Unternehmerinnen und Unternehmern immer öfter ins Gespräch komme. Wer in seinem Betrieb überlegt, wie mehrere KI-Werkzeuge sinnvoll nebeneinander arbeiten können statt nebeneinanderher, kann uns gerne anschreiben.