Text-to-CAD: Wenn ein Prompt zur Roboterhand wird
In dieser Woche kursieren in den KI-Kanälen Bilder, die ein paar Wochen vorher noch nach Photoshop ausgesehen hätten: eine fein gegliederte Roboterhand, in einem einzigen Prompt erzeugt, exportiert als STEP-Datei, geöffnet im CAD-Viewer. Optisch sauber, mechanisch nicht funktional, aber ein deutlicher Beleg dafür, dass parametrisches Modellieren in den Sprachraum rutscht. Wer in der Werkstatt mit 3D-Druck, Konstruktion oder kleinen Serien arbeitet, sollte hinschauen – nicht aus Begeisterung, sondern weil sich das Werkzeug-Gleichgewicht verschiebt.
Was hier eigentlich passiert
Bisher waren große Sprachmodelle gut darin, Code zu schreiben. CAD-Modelle waren etwas anderes: dreidimensional, geometrisch verkettet, mit Zwischenformaten wie B-Rep, OCP-Bäumen oder Sketch-and-Extrude-Sequenzen, die ein Modell nicht aus Pixeln, sondern aus parametrischen Operationen erzeugen. Diese Welt war lange klick- und mausgetrieben, mit Fusion 360, SolidWorks, FreeCAD oder OpenSCAD.
Was sich jetzt verändert: Mehrere Open-Source-Projekte zeigen, dass moderne LLMs aus einem Textprompt heraus direkt Geometrie erzeugen können – entweder als CadQuery- oder OpenSCAD-Skript, das ausgeführt wird, oder zunehmend auch als nativer STEP-Output. STEP-LLM aus Northwestern (akzeptiert auf der DATE-2026-Konferenz) generiert ISO-10303-STEP-Dateien direkt aus Sprache. CADAM (Adam-CAD auf GitHub) baut komplette OpenSCAD-Modelle im Browser über WebAssembly, mit Slidern für jede Dimension. Text-to-CadQuery hat den Text2CAD-Datensatz um 170.000 CadQuery-Annotationen erweitert und damit die geometrische Treffsicherheit deutlich gehoben. Dazu kommen Demos großer Modelle wie GPT 5.5, die in einem einzigen Prompt fertige Skripte mit Werkstoff-Zuweisungen, Renderwinkeln und STEP-Export erzeugen.
Die Frische der aktuellen Releases: vier Mal schnellere STEP-Erzeugung, weniger OCP-Artefakte, ein überarbeiteter Skill-Workflow. Ein bekanntes Repository hat innerhalb weniger Wochen die 2.000-Sterne-Marke geknackt. Das ist nicht der erste Anlauf, aber der erste, der für Hobby-Konstrukteure reproduzierbar funktioniert.
Ein einfacher Halter mit zwei Bohrungen, im Browser gerendert und automatisch gedreht. Beim Text-to-CAD entsteht so etwas aus einem Satz wie „Halter, 100 mal 40 mal 60 Millimeter, zwei Bohrungen, Durchmesser acht“ – inklusive STEP-Export.
import cadquery as cq
result = (cq.Workplane("XY")
.box(100, 40, 60)
.faces(">Z").workplane()
.pushPoints([(-30, 0), (30, 0)])
.hole(8))
cq.exporters.export(result, "halter.step")
Diesen Code erzeugt das Sprachmodell selbst. Beim Klick auf „exportieren“ entsteht eine STEP-Datei, die in jeder CAD-Software weiterverarbeitet werden kann.
Was diese Werkzeuge heute schon gut können
Die Stärke liegt in der Brücke zwischen Idee und erstem Modell. Eine Beschreibung wie „Halter für ein Smartphone, neigbar, M5-Bohrung an der Basis, Wandstärke 3 Millimeter“ ergibt heute in vielen Tools einen sauberen ersten Wurf, der im Slicer geöffnet und gedruckt werden kann. Auch Wiederholbares wird einfacher: ein Schraubenkasten mit zwölf Fächern in unterschiedlichen Größen, eine Reihe Halter mit gestaffelten Bohrabständen, eine Klappenlehre nach Skizze. Wer den Workflow kennt, spart messbare Konstruktionszeit.
Auch die Iteration funktioniert: „Mache die Wandstärke 5 statt 3 Millimeter, runde die Außenkanten mit Radius 2 ab“ – das Modell wird neu erzeugt, der Code aktualisiert. Für jeden, der bisher OpenSCAD-Code per Hand getippt hat, ist das ein Fortschritt.
Wo die Grenzen scharf sind
Die ehrliche Lesart der Demo-Roboterhand: optisch sauber, mechanisch nicht funktional. Gelenke greifen nicht ineinander, Toleranzen passen nicht, Sehnen verlaufen kosmetisch. Ein Modell mit echter Beweglichkeit oder Lastauslegung verlangt weiter klassische Konstruktion, FEM-Analyse und Fertigungswissen – Dinge, die ein Sprachmodell weder kennt noch prüfen kann.
Auch der STEP-Export bleibt anfällig: Bei komplexen Modellen tauchen sogenannte OCP-Artefakte auf – ungeschlossene Kanten, doppelte Flächen, Geometrien, die im Viewer noch sauber wirken, beim CNC-Postprozessor aber Fehler werfen. Die jüngsten Releases haben hier deutlich aufgeräumt, aber das Problem ist nicht beseitigt.
Und schließlich: Wer ein normgerechtes Bauteil für die Serienfertigung braucht, mit Toleranzangaben, Oberflächenrauheiten und Gewindespezifikation, ist von einer LLM-Pipeline weit entfernt. Diese Modelle sind heute Werkzeug für den ersten Wurf, für 3D-Druck, für Mockups und Visualisierungen – nicht für die Werkzeichnung.
Was wir empfehlen
Für 3D-Druck-Hobbyisten und Maker: Probieren Sie CADAM (browserbasiert, kein Setup) oder lokale CadQuery-Skripte mit GPT-4-Klasse. Beschreiben Sie das Bauteil so präzise wie möglich – Maße, Bohrabstände, Wandstärken explizit angeben statt „ungefähr“. Das Modell wird dadurch deutlich brauchbarer.
Für Konstrukteure und Engineering-Büros: Halten Sie die Pipeline scharf getrennt. LLM für die ersten Konzepte, das schnelle Mock-up, die Variantenstudie. Das verbindliche Modell entsteht weiter in der etablierten CAD-Software, mit Versionskontrolle und Zeichnungsableitung. Die zwei Welten zu mischen ist heute noch ein Risiko.
Für Werkstätten mit eigenen Vorrichtungen: Hier liegt der schnellste Nutzen. Halter, Lehren, Schablonen, Drehadapter – Teile, die einmal gedruckt werden, einen klaren Zweck haben und keine Norm erfüllen müssen. Hier ist Text-to-CAD heute schon eine echte Zeitersparnis.
Was das mit unserer Arbeit zu tun hat
Wir bauen aus dem Münsterland heraus Werkzeuge, die diese Brücke schlagen: vom Text einer Mitarbeiterin oder eines Meisters in den fertigen Output. Heute ist das meist ein PDF-Angebot, ein Wartungsbericht, ein Stundennachweis. Morgen kann es ein STEP-File für die nächste Vorrichtung sein, eine CSV mit Stückliste, ein Slicer-Job für den Druckraum nebenan.
Wer in der eigenen Werkstatt einen ersten Prozess in diese Richtung aufbauen will – etwa eine Eingabemaske, in die der Konstrukteur drei Zahlen tippt und einen druckfertigen Halter zurückbekommt – darf uns gern ansprechen. Wir bauen so etwas als individuelle Software, gehört dem Kunden, läuft auf seinen Rechnern und braucht keine Lizenz beim Drittanbieter.