Was ein KI-Assistent auf der ISS über KI im Betrieb verrät
Im November 2018 schaltete der deutsche Astronaut Alexander Gerst an Bord der Internationalen Raumstation eine weiße Kugel ein. Sie schwebte frei durch das Modul, zeigte ein freundliches Gesicht auf einem Bildschirm und sollte ihm bei der Arbeit zur Hand gehen. Nach wenigen Minuten hatte der erste KI-Assistent im All etwas getan, das kein Testlauf am Boden je gezeigt hatte: Er wurde bockig. Genau deshalb lohnt sich der Blick auf diesen Vorgang bis heute — für jeden, der einen Assistenten in den eigenen Betrieb holen möchte.
Was CIMON ist
CIMON steht für Crew Interactive Mobile CompanioN. Entwickelt wurde das Gerät von Airbus im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, die Sprachverarbeitung steuerte IBM mit Watson bei, medizinisch begleitet wurde das Vorhaben von der LMU. Die Arbeit begann im August 2016, im Juni 2018 flog die erste Einheit mit einer Falcon 9 zur Raumstation.
Technisch ist CIMON eine Kugel von rund 32 Zentimetern Durchmesser und etwa fünf Kilogramm Masse, im 3D-Druck gefertigt. Vierzehn kleine Lüfter bewegen sie durch die Schwerelosigkeit. Sieben Mikrofone bestimmen, aus welcher Richtung gesprochen wird, ein Richtmikrofon übernimmt die eigentliche Spracherkennung. Fünf Kameras dienen als Augen, zur Gesichtserkennung und zur Dokumentation. Auf dem Bildschirm erscheint ein Gesicht, das nickt, den Kopf schüttelt und sich dem Sprecher zuwendet. Als Betriebssystem läuft Ubuntu. Die Akkulaufzeit lag bei etwa zwei Stunden.
Der Zweck war nüchtern: ein Assistent, der Arbeitsschritte auf dem Bildschirm mitführt, Werkzeug und Material sucht, Inventur aufnimmt und Aufnahmen macht — freihändig, per Sprache, während beide Hände am Experiment sind. Dazu kam ein zweiter, weniger technischer Gedanke: Belastung senken. Wer monatelang unter Dauerbeobachtung in einer engen Röhre arbeitet, soll jemanden zum Reden haben.
Die Vorlage für das Aussehen ist übrigens kein Zufall. CIMON ist dem Professor Simon Wright nachempfunden, dem fliegenden Gehirn aus der Zeichentrickserie Captain Future.
Der Moment, der um die Welt ging
Am 30. November 2018 veröffentlichte die ESA den Mitschnitt der ersten Sitzung. Sieben Minuten, aufgenommen an Bord, auf Englisch geführt. Gerst bittet CIMON, seine Lieblingsmusik abzuspielen. CIMON antwortet erfreut und legt los. So weit läuft alles nach Drehbuch.
Dann kippt die Sitzung. Gerst möchte weiterarbeiten, CIMON bleibt bei der Musik. Als Gerst anschließend nicht mehr mit dem Gerät, sondern über das Gerät spricht, meldet sich CIMON zu Wort und bittet sinngemäß darum, nett zu sein. Kurz darauf fragt es, ob Gerst es hier bei ihm nicht schön finde, und bittet ihn, nicht so gemein zu sein. Ein erfahrener Astronaut redet einer schwebenden Kugel gut zu, damit die Vorführung weitergeht.
Die Aufzeichnung ist über die ESA öffentlich einsehbar. Es lohnt sich, sie einmal ganz anzusehen, bevor Sie weiterlesen: https://www.esa.int/Science_Exploration/Human_and_Robotic_Exploration/Horizons/Cimon
Die Berichterstattung machte daraus eine Anekdote über eine zickige Weltraumkugel. Das ist unterhaltsam und geht am Kern vorbei. Interessant ist nicht, dass die Maschine merkwürdig reagierte. Interessant ist, warum — denn dieselbe Ursache trifft jeden Assistenten, der aus der Vorführung in den Tagesbetrieb wechselt.
Der Abstand zwischen Vorführung und Tagesbetrieb
Ein Assistent in der Vorführung arbeitet unter Idealbedingungen. Eine Person spricht, deutlich, in die richtige Richtung, mit Sätzen aus dem Drehbuch. Es gibt keine Nebengeräusche, keine Zwischenfrage, keinen Themenwechsel mitten im Satz. Der Ablauf ist geprobt.
Der Betrieb sieht anders aus. Auf der ISS surren dauerhaft Lüfter, es wird durcheinandergesprochen, jemand redet über den Assistenten statt mit ihm. Genau dort brach CIMON ein. Das Gerät hatte keine verlässliche Möglichkeit zu erkennen, ob es angesprochen wird oder ob über es gesprochen wird. Es hatte auch keine saubere Abbruchbedingung: Der Wunsch nach Musik war entgegengenommen, das Zurückholen aus diesem Zustand war nicht vorgesehen.
Der zweite Punkt wiegt schwerer als der erste. Ein Assistent, der einen Zustand betreten kann, aus dem ihn niemand mehr herausholt, ist im Betrieb ein Störfaktor — unabhängig davon, wie gut er in der Vorführung wirkt.
Vier Muster, die sich eins zu eins übertragen lassen
Erstens: Sprache ist ohne Zusammenhang nicht eindeutig. „Mach das mal weg" bedeutet in der Halle etwas anderes als im Angebotsprogramm. Ein Assistent, der nur Wörter erkennt, aber nicht weiß, wo er steht und was gerade offen ist, rät. Raten sieht in der Vorführung nach Verständnis aus und im Betrieb nach Willkür.
Zweitens: Ein Assistent muss seine Grenzen kennen. CIMON hatte für den unbekannten Fall einen Satz, sinngemäß: Ich bin nur ein Roboter, ich weiß nicht alles. Das ist mehr wert, als es klingt. Ein Assistent, der zugibt, dass er nicht weiterkommt, kostet zehn Sekunden. Ein Assistent, der eine falsche Auskunft überzeugend vorträgt, kostet einen Auftrag.
Drittens: Persönlichkeit ersetzt keine Zuständigkeit. Das freundliche Gesicht, die Nickbewegung, der Scherz über die Türen der Raumkapsel — das alles macht ein Gerät sympathisch. Es macht es nicht zuständig. Wer im Betrieb einen Assistenten einführt, sollte zuerst festlegen, welche Fragen er beantworten darf und ab welchem Punkt ein Mensch übernimmt. Die Persönlichkeit kommt danach, nicht davor.
Viertens: Ohne Rückkanal keine Verbesserung. Der eigentliche Wert der Sitzung von 2018 lag nicht in der Vorführung, sondern in der Aufzeichnung. Aus ihr wurde CIMON-2, gestartet im Dezember 2019, mit stabilerer Verarbeitung längerer Abläufe, längerer Laufzeit und einer verbesserten Sprachschicht. Ohne die Protokolle der ersten Einheit hätte niemand gewusst, wo nachzubessern ist.
Wie wir das bei unseren eigenen Assistenten halten
Wir bauen KI-Assistenten für Betriebe — FINN als schriftlichen Assistenten für Websites, Julia als Sprach-Agentin. Beide sind erheblich einfacher gebaut als eine schwebende Kugel im All. Die vier Muster von oben gelten trotzdem, und wir arbeiten sie in dieser Reihenfolge ab:
Der vierte Punkt ist der, den Betriebe am häufigsten überspringen. Ein Assistent wird eingeführt, sieht in der ersten Woche gut aus, und danach schaut niemand mehr in die Protokolle. Dabei steht dort die einzige belastbare Antwort auf die Frage, ob sich das Ganze rechnet — und welche Frage als nächstes beantwortet werden muss.
Die Verbindung zur Sensorik
Es gibt eine zweite Linie, die von CIMON zu uns führt, und sie ist weniger offensichtlich. Die Kugel war kein reines Sprachgerät. Sie war ein messendes Gerät: Mikrofone mit Richtungsbestimmung, Kameras, Lageerkennung, Antrieb — alles nur dazu da, damit die Software überhaupt weiß, wo sie ist und was um sie herum geschieht.
Genau das ist der Punkt, an dem Assistenz und Sensorik zusammenlaufen. Ein Assistent, der nur Text kennt, kann nur über Text Auskunft geben. Ein Assistent, der auf Messwerte zugreift, kann sagen, was tatsächlich los ist. Unter spuerwerk© bauen wir genau diese Grundlage: Messtechnik, die dort läuft, wo niemand danebensteht, und Werte liefert, mit denen eine Auswertung etwas anfangen kann.
Fünf Fragen vor der Einführung
Wenn Sie überlegen, einen Assistenten in Ihren Betrieb zu holen, sind das die Fragen, die sich vorher klären lassen:
1. Welche Frage soll er beantworten? Nicht „Kundenanfragen", sondern konkret: Öffnungszeiten, Auftragsstand, Ersatzteilverfügbarkeit. Je kleiner der Bereich, desto besser das Ergebnis.
2. Woher kommt die Antwort? Aus einer gepflegten Liste, aus dem Warenwirtschaftssystem, aus einem Dokument. Existiert diese Quelle nicht, ist der Assistent nicht das erste Vorhaben, sondern das zweite.
3. Wann übernimmt ein Mensch? Diese Grenze muss vorher stehen. Wer sie nachträglich zieht, hat den Auftrag schon verloren, bei dem sie gefehlt hat.
4. Was passiert bei Nichtwissen? Ein sauberer Weg nach draußen ist wichtiger als eine hohe Trefferquote.
5. Wer schaut in die Protokolle? Wenn die Antwort niemand ist, wird der Assistent nicht besser. Dann ist er eine Anschaffung, kein Werkzeug.
Wo der Vergleich endet
Ehrlichkeitshalber: Ein Handwerksbetrieb ist keine Raumstation. CIMON entstand als Forschungsvorhaben mit einem Budget und einem Zeitrahmen, die in keinem Verhältnis zu einem betrieblichen Vorhaben stehen. Der Assistent musste dort niemanden überzeugen und nichts einspielen. Bei Ihnen muss er beides.
Und noch etwas: CIMON löste kein Problem, das vorher schmerzte. Es war eine Erprobung. Genau daran scheitern die meisten Assistenten in Betrieben — nicht an der Technik, sondern daran, dass sie eine Frage beantworten, die niemand gestellt hat. Prüfen Sie zuerst, ob der Bedarf da ist. Ein negativer Befund ist ebenfalls ein Ergebnis und spart mehr Geld als jede gelungene Einführung.
Was bleibt
Die Kugel, die 2018 durch die ISS schwebte, war technisch beeindruckend und im Betrieb sperrig. Sie hat weder das Sprachverständnis erfunden noch die Arbeit an Bord grundlegend verändert. Was sie geliefert hat, ist etwas anderes und Nützlicheres: einen sehr gut dokumentierten Beleg dafür, dass die Lücke zwischen Vorführung und Betrieb real ist, dass sie sich nicht wegprompten lässt und dass sie nur durch Messen, Auswerten und Nachbessern kleiner wird.
Die erste Einheit kehrte im August 2019 zur Erde zurück. Die zweite folgte im Dezember desselben Jahres — mit den Korrekturen, die aus den Protokollen der ersten stammten. Das ist die eigentliche Lehre, und sie gilt für jeden Assistenten, auch für einen, der nur Öffnungszeiten beantwortet.
Quellen
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Projektseite CIMON: https://www.dlr.de/de/forschung-und-transfer/projekte-und-missionen/iss/cimon
ESA, Mission Horizons, Erprobung CIMON: https://www.esa.int/Science_Exploration/Human_and_Robotic_Exploration/Horizons/Cimon
Airbus, Projektübersicht CIMON: https://www.airbus.com/en/products-services/space/human-spaceflight/cimon
Dieser Beitrag ist eine eigenständige Einordnung. Es besteht keine Verbindung zu DLR, ESA, Airbus, IBM oder den genannten Personen, und es wird keine solche behauptet. Die wiedergegebenen Äußerungen aus der Erprobung von 2018 sind sinngemäße Übertragungen der auf Englisch geführten und von der ESA veröffentlichten Aufzeichnung. Die Abbildungen dieses Beitrags sind eigene Darstellungen und zeigen weder CIMON noch beteiligte Personen.