Apps ohne Play Store: Was auf SHIFT, Volla und Fairphone wirklich läuft
Es gibt Smartphones jenseits von Apple und Samsung — aus Deutschland, aus den Niederlanden, aus Finnland. Sie sind reparierbar, sie laufen ohne Google-Konto, und die Hardware ist solide. Die erste Frage danach ist immer dieselbe: Was läuft darauf eigentlich? Denn ohne Play Store fällt der gewohnte Weg weg, Software auf das Gerät zu bekommen. Dieser Artikel sortiert die tatsächlichen Bezugswege, benennt die Grenzen ohne Beschönigung — und zeigt, warum die eigene Fachanwendung auf diesen Geräten oft besser aufgehoben ist als im Store.
Um welche Geräte es geht
Der Markt ist klein, aber er existiert. SHIFT aus Falkenberg in Hessen montiert in Deutschland, baut modular und nimmt Geräte gegen eine Rückgabeprämie zurück. Angeboten wird das Betriebssystem in zwei Fassungen: SHIFTOS-L mit Google-Diensten und SHIFTOS-G ohne. Volla aus Remscheid liefert wahlweise Volla OS oder Ubuntu Touch — beide ohne Google-Bestandteile. Fairphone aus den Niederlanden ist der bekannteste Vertreter, kommt ab Werk mit gewöhnlichem Android und ist über Murena auch mit /e/OS zu haben. Dazu Jolla aus Finnland mit Sailfish OS und Bittium mit gehärteten Geräten für Behörden.
Eine Einordnung vorweg, damit keine falsche Erwartung entsteht: Vollständig europäisch gefertigt ist keines dieser Geräte. Prozessor, Display und Kameramodul kommen in jedem Fall aus Asien. Was diese Hersteller unterscheidet, ist die Montage, die Reparierbarkeit, die Länge der Updateversorgung — und die Software.
Was ohne Play Store tatsächlich fehlt
Der Play Store ist nur die sichtbare Hälfte. Darunter liegen die Google Play Services, ein Systempaket, auf das ein großer Teil der Android-Apps direkt zugreift. Fällt es weg, fehlen vier Dinge gleichzeitig: der Push-Dienst Firebase Cloud Messaging, über den nahezu jede App ihre Benachrichtigungen schickt; die kombinierte Standortbestimmung aus Mobilfunkzelle, WLAN und Satellit; das Karten-SDK; und die Bezahlschnittstelle für Käufe innerhalb einer App.
Der härteste Punkt ist ein fünfter: die Play Integrity API. Sie ist der Nachfolger der abgekündigten SafetyNet-Prüfung und meldet der App, ob sie auf einem als unverändert eingestuften Gerät läuft. Banking-Anwendungen, einige Bezahldienste und Streaming-Apps mit hohen Kopierschutzstufen verweigern die Arbeit, wenn diese Prüfung nicht besteht. Auf einem Gerät ohne Google-Dienste besteht sie in der Regel nicht — und daran lässt sich von außen nichts drehen. Das ist die eine echte Härte, die man vor dem Kauf kennen muss.
Die fünf Wege, wie Software trotzdem aufs Gerät kommt
F-Droid ist der Katalog für quelloffene Android-Anwendungen. Jede App wird aus dem Quelltext gebaut und vom Katalog selbst signiert, zusätzliche Verzeichnisse lassen sich einbinden. Für Kalender, Notizen, Karten, Dateiverwaltung, Passwortspeicher und Messenger gibt es dort durchweg ordentliche Antworten. Was fehlt, sind kommerzielle Anwendungen.
Aurora Store greift auf denselben Katalog zu wie der Play Store, aber ohne persönliches Konto. Damit kommen die meisten gewöhnlichen Apps aufs Gerät. Sie laufen allerdings nur, soweit sie nicht auf die Play Services angewiesen sind.
microG schließt genau diese Lücke: ein quelloffener Nachbau der Play Services, der Push-Nachrichten und Standortbestimmung übernimmt, ohne die Datenströme des Originals. /e/OS bringt microG ab Werk mit, bei anderen Systemen muss es das Betriebssystem ausdrücklich erlauben. Nicht jede App ist damit zufrieden, die meisten schon.
Obtainium installiert Anwendungen direkt aus den Veröffentlichungen der Entwickler — etwa aus einem GitHub-Repository — und prüft selbstständig auf neue Versionen. Für Software, die weder bei F-Droid noch im Play-Katalog steht, ist das der sauberste Weg, weil die Kette vom Entwickler zum Gerät kurz bleibt.
Container-Lösungen sind der letzte Ausweg. Auf Ubuntu Touch, wie es Volla anbietet, lässt sich mit Waydroid eine Android-Umgebung nebenherlaufen. Sailfish OS bei Jolla hat eine eigene Android-Unterstützung als lizenzpflichtige Zusatzkomponente. Beides funktioniert, beides kostet Batterielaufzeit und Bedienkomfort.
Der ruhigere Weg: die Anwendung im Browser
Alle bisher genannten Wege haben eine Gemeinsamkeit: Sie hängen daran, dass jemand anderes eine App gebaut hat und sie irgendwo bereitstellt. Für die eigene Fachanwendung im Betrieb gilt das nicht. Dort ist der Auftraggeber derjenige, der entscheidet — und dann ist die Frage nach dem Store gar nicht mehr die richtige Frage.
Eine Progressive Web App ist eine Webanwendung, die sich auf dem Startbildschirm ablegen lässt, im Vollbild ohne Adressleiste startet, offline arbeitet und dabei aussieht und sich anfühlt wie eine installierte App. Sie läuft auf iPhone, auf gewöhnlichem Android, auf SHIFT, auf Volla, auf Fairphone mit /e/OS und nebenbei auch am Schreibtischrechner. Ein Codestand statt drei. Keine Freigabe durch einen Store, keine Wartezeit auf Prüfungen, keine Provision am Umsatz, kein Signaturzwang, keine Abhängigkeit von den Play Services.
Für Geräte ohne Google-Dienste ist das der entscheidende Punkt: Der Browser ist die einzige Laufzeitumgebung, die auf jedem dieser Systeme vollständig vorhanden ist. Ubuntu Touch hat einen Browser. Sailfish hat einen. Volla OS und /e/OS haben einen. Was im Browser läuft, läuft überall.
Was eine Webanwendung am Gerät kann — und was nicht
Die Vorstellung, im Browser gehe nur Textanzeige, ist etwa zehn Jahre alt. Tatsächlich stehen zur Verfügung: Kamera für Fotoprotokolle und Belegerfassung, Standort über die Geolocation-Schnittstelle, Offline-Betrieb über Service Worker in Verbindung mit IndexedDB, Barcode- und QR-Erkennung direkt aus dem Kamerabild, Datei-Zugriff, Bewegungs- und Lagesensoren, Vibration sowie Web Push für Benachrichtigungen. Letzteres funktioniert auf Android seit langem und auf iOS seit Version 16.4, dort allerdings nur, wenn die Anwendung zuvor auf den Startbildschirm gelegt wurde.
Ebenso ehrlich die andere Seite. Web Bluetooth und Web NFC gibt es praktisch nur in Chrome-basierten Browsern unter Android — auf dem iPhone nicht. Dauerhafte Verarbeitung im Hintergrund ist nicht vorgesehen; wer minutengenaue Hintergrundprotokolle braucht, kommt um eine native App nicht herum. Telefonie und Kurznachrichten sind für Webanwendungen tabu. Und eine Webanwendung wird in keinem Store gefunden — sie muss über eine Adresse, einen QR-Code oder eine Verknüpfung verteilt werden. Im Betrieb ist das kein Nachteil, im Verbrauchermarkt schon.
Was sich daraus für einen Betrieb bauen lässt
Der praktische Reiz dieser Geräte liegt genau dort, wo ohnehin keine Standardsoftware passt. Wir entwickeln solche Anwendungen als Unikate — ohne Fremdsystem, ohne fremdes Grundgerüst, zugeschnitten auf den tatsächlichen Ablauf im Betrieb. Typische Anwendungsfälle:
Erfassung im Feld
Auftrag, Material, Arbeitszeit direkt vor Ort eingeben. Ohne Netz wird lokal zwischengespeichert und beim nächsten Empfang übertragen.
Fotoprotokoll mit Nachweis
Aufnahme, Zeitstempel und Standort in einem Vorgang. Am Ende ein PDF-Protokoll, das der Kundschaft übergeben werden kann.
Prüf- und Wartungslisten
Wiederkehrende Prüfungen abarbeiten, Abweichungen erfassen, Unterschrift auf dem Bildschirm. Der Ablauf bildet die Vorgaben ab, nicht umgekehrt.
Sensorik ablesen
Messwerte aus eigener Sensorik im Browser anzeigen, Grenzwerte melden, Verläufe auswerten — die Grundlage unserer Arbeit an spuerwerk©.
In allen vier Fällen ist die Geräteklasse austauschbar. Wer heute mit gewöhnlichen Android-Geräten arbeitet und in zwei Jahren auf SHIFT oder Fairphone wechselt, nimmt die Anwendung unverändert mit. Genau das ist der Grund, warum wir für mobile Fachanwendungen im Regelfall zur Webanwendung raten und nicht zur nativen App.
Wann ein Gerät ohne Google-Dienste nicht passt
Damit die Empfehlung belastbar bleibt, gehört die Gegenrichtung dazu. Wer im Alltag zwingend auf die App seiner Bank angewiesen ist, wer eine Fachsoftware nutzt, die es nur als native Anwendung mit Play-Anbindung gibt, oder wessen Geräte über eine zentrale Verwaltung mit Google-Bindung gesteuert werden, fährt mit einem gewöhnlichen Gerät ruhiger. Ein Zwischenweg funktioniert oft: das Alternativgerät als Arbeitsgerät für die eigenen Abläufe, das gewohnte Gerät für alles, was daran hängt. Prüfen Sie vor der Anschaffung eine konkrete Liste der Anwendungen, die tatsächlich täglich gebraucht werden — nicht die Liste der installierten.
Sie brauchen eine mobile Anwendung, die auf jedem Gerät läuft?
Wir entwickeln Webanwendungen als Unikate — offlinefähig, auf dem Startbildschirm installierbar und unabhängig davon, welches Betriebssystem auf dem Gerät läuft. Schreiben Sie uns, was der Ablauf können muss.
Anfrage schreibenQuellen: MDN Web Docs (Progressive Web Apps, Service Worker API, Push API, Geolocation API, Web NFC, Web Bluetooth), Google Developers (Play Integrity API, Ausmusterung der SafetyNet Attestation API), WebKit-Blog (Web Push für Home-Screen-Web-Apps), Herstellerangaben von SHIFT, Volla, Fairphone, Murena, Jolla und Bittium sowie die Projektdokumentationen von F-Droid, Aurora Store, microG, Obtainium und Waydroid.
Bildnachweis: SHIFTphone 8 — SHIFT GmbH, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons. SHIFTphone 6mq — Triskal, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons. Fairphone 2 — Fairphone, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons. Fairphone 1 — Sandra Fauconnier, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons. Die genannten Marken gehören den jeweiligen Herstellern; es besteht keine geschäftliche Verbindung.